Über die Irrtümer in der Pensionsdebatte

 

Medien, Politiker, Wissenschafter, internationale Organisationen wie die Weltbank, die EU-Kommission und jüngst wieder die OECD… sie alle singen wiederholt, gebetsmühlenartig, seit zwanzig Jahren das Lied von der Unfinanzierbarkeit der staatlichen Pensionssysteme. Diese Diskussion ist nun nahtlos in die mediale Panikmache rund um den aktuellen Bericht der Pensionskommission übergegangen. Wen wundert es da noch, wenn die Jungen nicht mehr daran glauben, dass ihre Pensionen sicher sind?

Auf die ökonomischen Interessen, die hinter dieser Argumentation stehen, soll hier gar nicht näher eingegangen werden. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass die Finanzindustrie mit ihren Produkten zur privaten Altersvorsorge hier wesentlichen Einfluss hat.

Die gängige, plakative Argumentation lautet:

„Sozialstaat in der Sackgasse. Wer zahlt morgen die Rente?“. Diese Schlagzeile könnte ein Beitrag zur  aktuellen Generationendebatte sein. Ist sie aber nicht. Der Satz stand in der „Österreichischen Neuen Tageszeitung“, und zwar vor 54 Jahren, am 29. 3. 1959.

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Irrtum 1: Steigende Lebenserwartung gefährdet Pensionen
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in der Vergangenheit erfreulicherweise stark gestiegen. Beispielsweise bei 65-jährigen Männern (1) von 1900 bis 2012 von 12,8 Jahren auf 18,1 Jahre, also um 41 Prozent. Die prognostizierte Lebenserwartung beträgt 2050 für 65-jährige Männer durchschnittlich noch 23 Jahre (2). Das entspricht einer Steigerung um 27 Prozent und bedeutet: Österreichs Pensionssystem hat im letzten Jahrhundert eine deutlich stärkere Steigerung der Lebenserwartung verkraftet, als sie für die nächsten Jahrzehnte zu erwarten ist.
Irrtum 2: Die Alten werden immer mehr

Stimmt! Allerdings war dies in der Vergangenheit auch so. Der Anteil der älteren Menschen (65+) an der Gesamtbevölkerung ist von 1900 auf 2010 von 5,7 Prozent auf 17,6 Prozent gestiegen (3). Das entspricht einer Steigerung um 208 Prozent! 2050 wird der Anteil der Älteren laut Prognosen 28,2 Prozent betragen (4) –  also eine Steigerung um 60 Prozent. Das bedeutet: Österreichs Pensionssystem hat im letzten Jahrhundert eine deutlich stärkere Steigerung des prozentuellen Anteils von älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung verkraftet, als sie für die nächsten Jahrzehnte zu erwarten ist.

Irrtum 3: Produktivitätswachstum wird glatt übersehen
Abgesehen davon, dass es unseriös ist eine Prognose auf 50 Jahre auszulegen, hat man den Eindruck dass bei der Pensionsdebatte bei vielen Menschen die Fähigkeit die Grundrechnungsarten zu beherrschen abhandengekommen ist.

Ein Rechenbeispiel: Das Bruttoeinkommen (bei Vollzeitbeschäftigung) beträgt (2010) im Durchschnitt 2.640 Euro. Zieht man den Pensionsbeitrag (10,25 Prozent) ab, kommt man auf 2.370 Euro pro Monat. Geht man von einem Produktivitätswachstum von 1,5 Prozent (real) pro Jahr aus, so beträgt das Monatseinkommen in vierzig Jahren (2050) durchschnittlich 4.789 Euro, abzüglich des Pensionsbeitrages = 4.299 Euro. Gemessen am heutigen Einkommen eine beträchtliche Zunahme um 1.929 Euro, und zwar real, also bereits inflationsbereinigt. Somit würden selbst bei einer Erhöhung des Pensionsbeitrages die aktiven Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterm Strich mehr bekommen als heute.

Das BIP beträgt im Jahr 2013 311 Mrd. Euro und wird 2050 574 Mrd. Euro betragen (5). Pro Kopf beträgt es heute 36.692 Euro, 2050 werden es 61.565 Euro sein. Es kann daher keine Rede davon sein, dass die Jungen „in Zukunft mit keiner Pension rechnen können“.

Irrtum 4: Die Demographie entscheidet

Entscheidend für die Finanzierung des Pensionssystems ist nicht das Verhältnis der Alten zu den Jungen, sondern die Relation zwischen Beitragszahlern und Leistungsempfängern. Das heißt: Gibt es mehr beschäftigte Personen, dann können auch die Pensionsleistungen leichter bewältigt werden. Die Wahrheit ist also: Der Arbeitsmarkt und eine hohe Beschäftigungsquote sind entscheidend, nicht die Demographie.

Irrtum 5: Entwicklung bei den Beamtenpensionen wird vergessen

Die öffentliche Debatte ist fokussiert auf die ASVG-Pensionen. Für sie werden vor allem deshalb mehr Mittel benötigt, weil Bund, Länder und Gemeinden immer weniger Beamte und dafür mehr Vertragsbedienstete einstellen. Damit gehen auch die Pensionseinzahlungen bei den Beamten zurück. Derzeit machen die Pensionsausgaben (ASVG und Beamte) 12,2 Prozent des BIP aus (6 )und (hier). Betrachtet man die längerfristige Entwicklung der ASVG- und der Beamten-Pensionen, so werden die Pensionsausgaben im Jahr 2050 12,8 Prozent betragen. Sie werden sich also praktisch nur minimal erhöhen. „Katastrophale Entwicklungen“ sehen wohl anders aus.

Das alles bedeutet aber nicht, dass es in unserem System nicht viel zu tun gebe. Aber es macht deutlich, dass die Situation bei weitem nicht so „katastrophal“ ist, wie sie häufig dargestellt wird. Klar ist, dass es hier um keinen Konflikt „Alt gegen Jung“ geht, sondern um unser gemeinsames Ziel einer Gesellschaft, in der der Wohlstand fair verteilt ist. Und hier müssen Fairness und Gerechtigkeit im Mittelpunkt stehen und keine „Verteilung von unten nach oben“, wie sie uns so mancher in der aktuellen Pensionsdebatte schmackhaft machen möchte.

(1) Statistik Austria, Demographisches Jahrbuch 2012

(2) Pensionskommission, Bericht über die langfristige Entwicklung der gesetzlichen Pensionsversicherung 2012 bis 2060, Tabelle 3

(3) Statistik Austria Volkszählungsergebnisse

(4) Pensionskommission, Bericht, Tabelle 1

(5) Pensionskommission, Bericht, S. 19

(6) Pensionskommission, Bericht, Tabelle 26

 

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Ökonomie, Demographie, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Pensionen, Politik, Verteilung

Eine Antwort zu “Über die Irrtümer in der Pensionsdebatte

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