Schafft sich der Kapitalismus ab? Ungleichheit gefährdet ökonomische Stabilität

Im Extremfall kann eine als ungerecht empfundene Zunahme der Einkommenskonzentration die Legitimität des kapitalistischen Wirtschaftssystems in Frage stellen und den riskanten Versuch eines Systemwechsels einleiten“ (Corneo, S. 111).

Schafft sich der Kapitalismus ab? Diese Frage wird in den letzten Monaten angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise häufig gestellt. Das System ist aus den Fugen geraten und scheint sich nur schwer stabilisieren zu sein. Die Ursachen dafür werden in einem von allen Zügeln befreiten Finanzkapital gesehen. Die Deregulierung hat spekulatives Kapital in ungeahntem Ausmaß ermöglicht und zweifellos ist dies ein Auslöser der Krise gewesen.

Die eigentlichen Ursachen der wirtschaftlichen Krise sind jedoch in der zunehmenden Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zu sehen. Ausgehend von den USA und Großbritannien wurde auch in Europa der Druck auf die Arbeitnehmer erhöht, mit dem Ergebnis, dass der Anteil der Löhne und Gehälter am BIP zurückging. Die Löhne stagnieren und entwickeln sich nicht mehr im gleichen Ausmaß wie die Produktivität, ja die Entwicklung wurde vom BIP komplett abgekoppelt.

Dies hätte beispielsweise die US-Wirtschaft in Turbulenzen bringen müssen, die Nachfrage nach produzierten Gütern fehlt dann. Warum es nicht zum Crash gekommen ist, liegt in der Tatsache, dass die Nachfrage über Schulden finanziert wurde, Schulden der Konsumenten, Schulden des Staates.

Die ungleiche Einkommensverteilung führte zu zwei wirtschaftspolitischen Strategien, die beide Ursachen der aktuellen Krise sind (vergleiche Stockhammer). Zum einen gibt es eine Gruppe von Staaten (wie die USA) die den Nachfrageausfall über Kredite (Schulden) finanzierten. Dies hatte auch eine überfordernde Finanzindustrie zur Folge, sie war auch gewünscht und wurde politisch, durch entsprechende deregulatorische Maßnahmen gefördert. Andere Länder die diesen Weg beschritten haben sind beispielsweise Großbritannien.

Die andere Strategie, den Nachfrageausfall der sich durch die polarisierte Einkommensverteilung ergeben hat zu kompensieren war über Exporte einen Ausgleich zu finden. Zu diesen Ländern zählte vor allem Deutschland und auch in geringem Ausmaß Österreich. In Deutschland sind die Nettoreallöhne seit Anfang der 90er Jahre kaum gestiegen, von 2004 bis 2008 gingen sie sogar zurück (DIW 2009). Ursache: „Die Verhandlungsmache der Gewerkschaften hat deutlich nachgelassen“. Auch für Österreich hat der Rechnungshof festgestellt, dass in den letzten Jahren die Realeinkommen der Arbeitnehmer stagnieren.

Der Rückgang der Löhne (Lohnquote) und die Konzentration in der personellen Einkommensverteilung führen dazu, dass die niedrigen Einkommensbezieher keine Möglichkeiten der Konsumausweitung haben, die hohen Einkommensbezieher können nicht alles Geld ausgeben, sie sparen.

So wurde die drohende Nachfragelücke in den angloamerikanischen Ländern mit Krediten aufgefangen. Die Haushalte haben sich verschuldet. In den USA von 2000 bis 2008 um 26 Prozent, in UK um 28 Prozent, in Irland um 61 Prozent (Stockhammer 2011, S. 17).

Die Polarisierung der Einkommen und des Vermögens hat auch die Spekulation gefördert. Reiche Haushalte legen risikoreicher an.

Die Schlussfolgerungen daraus: Ohne eine gerechtere Gesellschaft, ohne ein Stoppen der Schieflage ohne ein Rückrudern zu mehr Einkommens- und Vermögensverteilungsgerechtigkeit wird die aktuelle Krise nicht zu beheben sein.

Literatur:

CORNEO, Giacomo, Einkommenskonzentration in Europa, in: ÖNB Workshop, Dimensionen der Ungleichheit in der EU, Wien 2008.

DIW, Brenke Karl, Reallöhne in Deutschland über weitere Jahre rückläufig, Wochenbericht des DIW Nr 33/2009.

STOCKHAMMER, Engelbert, Von der Verteilungs- zur Wirtschaftskrise. Die Rolle der zunehmenden Polarisierung als strukturelle Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise, Studie im Auftrag der AK-Wien, Hg., Wien 2011.

Harald Glatz

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