Ungleichheit ist sozial schädlich

Ungleichheit ist sozial schädlich

Ungleichheit wirkt zersetzend“ (Judt 2011, S. 27)

Gerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit ist nicht nur eine philosophisch-politische Frage. Verteilungsgerechtigkeit ist eine Frage der politischen Vernunft. Ungleichheit bedroht den sozialen Zusammenhalt. Ungleichheit hat negative Auswirkungen auf Gesundheit, Bildung, Sicherheit. Die wohl umfassendste Bestandsaufnahme der negativen Folgen von Ungleichheit für die Gesellschaft stammt von Richard Wilkinson und Kate Pickett (Wilkinson, Pickett 2009). Nicht alle negativen Auswirkungen sind auf Ungleichheit zurückzuführen, vielfach gibt es andere Ursachen. Aber das Bild, das sich darstellt, sollte Warnung genug sein, vor allem für Staaten wie Österreich, in denen die Ungleichheit (noch) nicht so fortgeschritten ist. Die Zusammenhänge erscheinen so stark, dass auf eine grundsätzliche Kausalität von Ungleichheit und gesellschaftlichen Problemen geschlossen werden muss.

Gleichheit und Ungleichheit in Staaten

Wilkinson und Pickett verwenden als Maß für die Ungleichheit Daten der UNO (Human Developement Reports) und zwar die Relation des Durchschnittseinkommens der 20 Prozent der Reichsten zu den Durchschnittseinkommen der 20 Prozent Ärmsten. Beispielsweise verdienen in Japan die reichsten 20 Prozent 3,4 mal so viel wie die ärmsten 20 Prozent. In den USA ist das Verhältnis 8,4.

In Japan, in den skandinavischen Staaten, gefolgt von Deutschland und Österreich, geht die Einkommensschere nicht so weit auseinander. Griechenland, Italien, Spanien, Irland, Frankreich, Schweiz befinden sich im Mittelfeld. Am unteren Ende rangieren die USA, Portugal, UK, Neuseeland und Australien.

Ein Ranking, das den Gini-Koeffizienten als Bezugsgröße nimmt kommt zu den gleichen Ergebnissen (Vgl die UN Human Developement Reports).

Auch OECD-Erhebungen (OECD, Growing Unequal, 2008) zeigen eine ähnliche Verteilung:

Geringe Ungleichheit (Gini < 0,25):

Dänemark, Schweden

Unterdurchschnittliche Ungleichheit (Gini 0,26 bis 0,28):

Belgien, Finnland, Frankreich, Island, Luxemburg, Niederlande,

Norwegen, Österreich, Tschechien, Schweiz, Slowakei

Durchschnittliche Ungleichheit (Gini 0,29 bis 0,32):

Australien, Deutschland, Griechenland, Japan, Kanada, Korea,

Spanien, Ungarn

Überdurchschnittliche Ungleichheit (Gini 0,33 bis 0,40):

Irland, Italien, Neuseeland, Polen, Portugal, USA, UK

Hohe Ungleichheit (Gini > 0,4):

Mexico, Türkei

Ungleichheit gefährdet den sozialen Zusammenhalt

Das wohl wichtigste Ergebnis der Betrachtungen von Wilkinson und Pickett ist die Tatsache, dass Vertrauen in die Gesellschaft erodiert, das Vertrauen zwischen Regierung und Bevölkerung, zwischen reich und arm, zwischen Minoritäten und Majoritäten. Eine Erkenntnis, die auch ohne wissenschaftliche Methodik geläufig sein und im Alltag auch beobachtbar sein sollte. Vertrauen geht also zurück, wenn Ungleichheit zunimmt.

Gesundheitliche Auswirkungen

In Ländern mit ungleicher Einkommensverteilung treten häufiger psychische Krankheiten auf und auch physische Gesundheitsprobleme sind häufiger in Staaten mit ungleicher Einkommensverteilung. Je ungleicher eine Gesellschaft, desto niedriger ist die Lebenserwartung, desto höher ist die Kindersterblichkeit.

Gewalt

In ungleichen Gesellschaften ist Gewalt verbreiteter als in gleichen Gesellschaften. Menschen werden häufiger eingesperrt als in Staaten mit gleicherer Einkommens- und Vermögensverteilung.

Bildung ist normalerweise der Faktor der sozialen Mobilität (Aufstieg) begünstigt. Öffentliche Ausgaben für Ausbildung hängen mit Ungleichheit / Gleichheit zusammen. Je gleicher die Verteilung ist, desto mehr Geld fließt anteilsmäßig in das öffentliche Bildungswesen. Je ungleicher, desto mehr Privatschulen gibt es.

Ungleichheit trifft Mittelschicht

Wilkinson / Pickett meinen, dass der Großteil der Bevölkerung von den Auswirkungen der Ungleichheit betroffen sind: „ The reason why these differences are so big is, quite simply, because the effects of inequality are not confined just to the least well-off: instead they affect the vast majority of the population.” (Wilkinson, Pickett, 2009, S. 176).

Wenn nicht verstanden wird, dass ungleiche Gesellschaften diese negativen Auswirkungen haben, wenn das Sensorium fehlt, dann können die politischen Folgen vielleicht nicht kontrolliert werden. Das muss nicht notwendigerweise in Unruhen wie in London ändern. Wahrscheinlicher ist, dass sich ein wesentlicher Teil der Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben zurückzieht. Mehr Gleichheit heißt mehr Lebensqualität für alle. „More equal societies do better“ (Wilkinson, Picket 2009, S. 276).

Wie die Zusammenhänge von Ungleichheiten und negativen gesellschaftlichen Auswirkungen funktionieren, darauf gehen Wilkinson und Pickett nicht ein.

Zwei Argumentationsketten fallen aber auf:

Einmal die Neidthese. Je ungleicher Gesellschaften sind, desto eher sei Neid auf Besserverdienende oder Vermögende zu beobachten. Auch wenn sich die eigene ökonomisch und soziale Position gar nicht so schlecht darstellen mag. Dieser Neid bewirkt Vertrauensverlust, psychische Probleme, etc.

Dies mag vielleicht eine Rolle spielen, plausibel erscheint jedoch der ressourcenökonomische Ansatz. Wenn ungleiche Gesellschaften die öffentliche Infrastruktur vernachlässigen, weil Geld abgezogen wird, in den privaten Sektor, dann fehlt das Geld eben. Und wenn als individuelle Möglichkeit sich der relativen Benachteiligung zu entziehen mehr Leistung notwendig ist (und zwar nur Leistung) dann bleibt eine Ellbogengesellschaft über.

Geld regiert

Aber nicht nur am Beispiel Gesundheit, Vertrauen, Kriminalität, etc zeigen sich die problematischen Auswirkungen von Ungleichheit. Auch das politische System erodiert. Hartmann (Hartmann 2008) weist auf den Zusammenhang von Struktur der politischen Vertretung und Ungleichheit hin. In Ländern, die traditionell geringe Einkommensunterschiede haben (Skandinavien, Deutschland, Österreich) kommen die Politiker auch aus der Mittelschicht und aus der Arbeiterschaft. In Ländern mit großen Einkommensunterschieden spielte in der Politik das Bürgertum und das Großbürgertum eine große Rolle (Hartmann, 2008, S. 199). „Einer in vielen Ländern feststellbaren Zunahme der Einkommensunterschiede entspricht in der Regel eine Verbürgerlichung ihrer politischen Eliten“ (Hartmann 2008, S. 201).

Literatur:

JUDT Tony, Dem Land geht es schlecht, München 2011

WILKINSON Richard, PICKETT Kate, The Spirit Level, London 2010 (Erstausgabe 2009)

HARTMANN, Michael, Eliten, Macht und Reichtum in Europa, in: ÖNB Workshop, Dimensionen der Ungleichheit in der EU, Wien 2008.

OECD, Growing Unequal, 2008

Harald Glatz


Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gerechtigkeit

Eine Antwort zu “Ungleichheit ist sozial schädlich

  1. Pingback: Why Greater Equality Makes Societies Stronger | glatzonline

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s